BBM (Olaf Arndt, Carsten Aschmann, Titus Kockel, Malte Ludwig, CFN Werner)

paranorm Video-Dokumente: bildende Kunst 
Video: mirjam lehnert/Stills: © ralf roszius 
maschinen
lärmerzeugende elektromechanische automaten
Ausstellung
Galerie paranorm, West-Berlin
2. Mai 1989
Farbe, 8 Min., PAL (4:3-Format)
Edition paranorm

NMO/BBM
beobachter der bediener von maschinen - zentrale berlin in zusammenarbeit mit dem 'new mechanic observer'

johannes kockel (Vertretung Hamburg)

DIE OBJEKTE

TRAP - eine keusche Huldigung an Leonardo, ohne Mutter geborene Mädchen, die endlich erwachsen geworden sind: amour fou, aber mit Halluzionogencarbonat gehärtet. Ganze Kleinigkeiten wollen da in die Luft, emanzipierte Maschinen, lauernde Apparate, in deren Zuckungen und Lärm eine wahnsinnige Materie zu sich selbst gekommen ist. Das sind weniger künstlerisch als vielmehr politisch relevante Produkte mit autonomen Funktionen, taktilem Testwert. Der zerstreute Examinator wird hier im Augenblick zum Projektil, zum Protagonisten eines bloss Sekunden dauernden Totalen Krieges. Jeder kann Blériot sein, Curtiss, d'Annunzio, artistischer Kombattant und Viewmaster zugleich im letzten Kampf der Moderne.

DIE OPERATEURE

Die Dromomanen und Militanten um den gefährlichen Menschen CFN eint das autistische Dispositiv: Sammeln und Fallenstellen; Tom und Jerry; Ken, das Präzisionsgewehr und die Folgen; der kleine Offizier und seine imperiale Maschine; Krap und das Endlosband; Robotow und die SimuPation. Aus Gummimotorfetischisten und mechanistischen Choreografen sind Maschinisten geworden, die aus der Folterkammer des Dr. Fu Man Chu die sanitäre Akustik, aus Heinrich Anton Müllers schizoiden Megamaschinen die Herzstücke entwenden, um sie zu Geheimwaffen für den Krieg in den Städten umzuschmieden in der Gewissheit F. Jungs, daß noch die Zertrümmerung unseres Seins marschieren wird.

c) einige gedanken zu den intentionen von BBM

In den Maschinen von BBM zeigt sich eine aus der Spur laufende Mechanik und Kunst in ihrer technoiden Gestalt: Die dampfenden und feuerspeienden Kinder einer zwei Jahrhunderte alten Entdeckung, wiedergeboren in den wahnhaften Togträumen der Enkel am Ausgang des Zeitalters der totalen Fernsteuerung.
Die Gegengewalt der Erben ist ein Schritt in die Eskalation, die der Auslöschung digitalisierter Gehirne und anthropomorpher Apparate am Übergang in die erwünschte neue Gesellschaft vorausgeht. Die Maschinen können das Gesicht des Anderen nicht vorentwerfen, sie sind keine Gottesmaschinen, wie viele Betrachter von Maschinen denken.
Sie sind Bilder des Innen, nichts als die Rückprojektionen des Biofilms, sein schlimmes Gesicht im Zustand der Zersetzung.Überall lauern freundliche, hilfsbereite Masken, ein Welttheater, in dem Platon,Marx und Velikowsky in einen kinetischen Alptraum verwickelt sind. Allseits werden Ideologien ausverkauft auf dem Markt der kalkulierten Fehlentwicklung in den Großstädten. Die Medizin, ein Büro der Großindustrie, hat die Zentralorgane auf dem Seziertisch: im keimfreien Labor unter den kalten Augen der Geräte werden kompliziertere Maschinen gebaut und Organapparate aus rätselhaften Kohlenstoffverbindungen.
Die Hersteller der Maschinen von BBM sind Erfüllungsgehilfen der Wahrheit jedes Automaten als Zerstückler kommunikativer, geografischer und organischer Zusammenhänge.
Der Code der Automaten ist der Lärm. Ihre Vernunft ist die Logik der Kabelverbindungen, die ihre Funktion garantiert, dh. die, ohne ein Produkt auszuwerfen (Hemden zum Beispiel), permanent auf Produktion geschaltet ist im Kampf um Steigerung: eine Hypertrophie der Verhältnisse, bei der auch die Maschine wächst.
Die Komplexität der inneren Zusammenhänge korrespondiert der ideologischen Kraft des Apparates. Die Bedrohung erwächst aus der Notwendigkeit seiner Bestandteile, nicht aus den künstlichen Schocks wirkungsvoll arrangierter Placebos.
Insofern sind auch LEAs und MMVs Kollapsautomaten, unter industriellen Bedingungen gewachsen, nur durch sie lebensfähig, doch im Gegensatz zur kapitalistischen Arbeitsmaschine mit der Hoffnung auf Demaskierung ihres grundsätzlich gewalttätigen,i.e. lebensverneinenden Wesens ausgestattet.
In dem Sinn, wie Korzybski durch. die Erfindung des menschlichen Maschinenbaus die dynamischen Kräfte als Ablösung statisch zerstörerischer Antagonismen inaugurierte (Aristoteles' Entweder/Oder-Irrtum beseitigen!), ersetzen die Maschinen von BBM die falsche Idee vom Nutzen der Technik, die, ihrem Wesen gemäß, dh. wissenschaftlich angewendet, auch nach der Apo lexie eine Heilung der Herzkrankheit der Systeme möglich machen soll.
Im Moment, in dem der Glaube an die Erziehung (Aufklärung) als Irrtum sozialer Ingenieure erkannt wird, weicht er einem mutativen Sprung, so weit wie die Bewegung vom Wasser ans Land: ein Satz heraus aus der schon verlorenen menschlichen Gestalt - und in ein anderes Naturverhältnis.
BBM bauen Schleudersitze und Vektoren für diesen Sprung.
Ihre Geräte verhindern den Eintritt einer kollektiven Katatonie angesichts erstarrter Zustände, sie machen Spaß, der sich wie „Aufbruch" buchstabiert, als ein Versuch, aus der notwendigen Arbeit an der Veränderung rechtzeitig einen Lustgewinn zu ziehen und die vasomotorischen Gesichtsfurchen der revolutionären Theorie einzutauschen gegen die Lachfalten des im weißglühenden Walzwerk der Geschichte fröhlich sabotierenden Technikers.



1912-1916
zentrale abendländische Kulturträger wie der Verdichter und der Zementmischer werden entwickelt. Strom ist eine bewegliche Sache, findet die Rechtssprechung. Atlantiküberquerungen (ein weisses Taschentuch im Tiefflug vom Boden aufnehmen und der Dame überreichen, ohne ihr mit der Tragfläche den Kopf abzuschneiden) und von Protzen überrollte Grossväter mit Fotoapparaten in der Hand sind eine andere Sache.
1939
Valery avisiert uns eine 'zauberhafte' Mutation der Kunst durch Technik. Valery ist Schreibmaschinen benutzer. Er kann seine eigene Handschrift nicht mehr lesen. Für ähnliche Probleme hat Kafka eine Freundin, eine Art Robotor mit Sauerstoffanschluss (Cyborg). Er widmet ihr ein Stück Literatur ('Minni Tipp'). Benn lobt brieflich die 200 Anschläge seiner späteren Gattin Herta (aus Hannover).
1943
V2 Stoßstrahlen treten nach Art gotischer Strebpfeiler aus der zäpfchenförmigen Rakete: ein Lob der Architektur. Die Geburt der raumschaffenden Bombe aus dem Geist des raumschaffenden Dom.
1968
Juri Gagarin: 'Konstrukteure! Schon das Wort selbst barg etwas Bedeutendes, Strenges, Kompliziertes. Ich kam an die Moskauer Technische Hochschule. War es interessant? Interessant vielleicht, weil es schwer war.'
1971
'Crash' ('Der Mann, der Verkehrsunfälle liebte'), eine Symphonie in Chrom, Blech und Sperma.
(J. G. Ballard: 'Ich betrachte Crash nicht als Katastrophengeschichte. In gewissem Sinn sind das alles kataklysmische Geschichten. In Wahrheit zeige ich das Auftreten einer neuen Art von Logik, und sie wird freudig aufgenommen. ... Wenn ich eine Vermutung anstellen soll, so glaube ich, dass die Zukunft nicht wie 'Schöne neue Welt' oder '1984' sein (wird): sie ist ein Landklubparadies ... das Ergebnis hochentwickelter Technologien.')
1986
Kern/Thirlwell: Manhattan Love Suicide.
Frauenarsch, Pistole, Kotflügel, Abzug.
1988
Survival Research Laboratories, Matt Heckert: 'Die Maschinen tun, was sie tun. Wenn das ein wenig chaotisch aussieht, ist das nicht von uns organisiert. Unsere Maschinen haben eine wesentlich geringere Kraft als Lastwagen, Dampframmen und Bagger, die du täglich erlebst. Die ideologische Kraft ist etwas vollständig anderes. Damit spielen wir, mit dieser eingebauten Götterverehrung der Maschine in den westlichen Kulturen und besonders an industrialisierten Plätzen wie diesem hier.'
1989
Kockel: Badewanne, 7o kg; Werner: Würfel, 4o kg; Arndt: Rollstuhl, 5o kg ; Ludwig: Rekorder, 6 kg ; Aschmann: Gummimotor, 9 kg
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In: Begleitinformation zur Ausstellung. Berlin, 2.5.1989




Der Mörder ist eine Maschine
Einige Überlegungen zu den Maschinen von BBM

Ein Moskauer Staatsanwalt hat jüngst gegen einen Schachcomputer Mordanklage erhoben. Der sowjetische Schachgroßmeister Nikolai Gudkov starb im März durch einen Stromschlag seines elektronischen Partners. Der Computer hatte nicht verkraftet, daß er zuvor dreimal gegen den menschlichen Schachprofi verlor. Die Gefahren durch Roboter und sogenannte Expertensysteme nehmen zu. Auch der Abschuß eines iranischen Passagierflugzeuges durch einen Militärcomputer im Juli vergangenen Jahres hat wieder einmal gezeigt, daß naive Benutzer von Maschinen wie der Kommandant jenes US-amerikanischen Schlachtschiffs keine Kontrolle mehr über tötliche Entscheidungen haben.
Die mangelhafte Berechenbarkeit von Maschinen hat sich die Künstlergruppe BBM zu ihrem Arbeitsprinzip erhoben. Seit sich die Gruppe im Jahr 1988 konstituierte, produ­ziert das Team zum Teil etliche Zentner schwere Automaten, die mehr oder weniger ungesichert auf das Publikum losgelassen werden. Eine erste Produktionsphase gip­felte in der Ausstellung LÄRMERZEUGENDE ELEKTROMECHANISCHE AUTOMATEN in der PARANORM-Galerie, Berlin, Lützowstrasse, vom 2. bis 15. Mai 1989. Schwerpunkt dieser ersten Phase war die Herstellung von wenig mobilen Maschinen mit überraschenden Kombinationen von Lärm und Bewegung, von Objekten mit hohem Testwert. Die Künstler überließen dem Publikum, die vorgestellten Automaten zu bedienen, deren Gefahrenpotential und lärmende Eigentümlichkeit, deren taktische Möglichkeiten und neue Gebrauchswerte auf diese Weise deutlich wurden.Diese Maschinen waren Übungsinstrumente, im eigentlichen Sinne Kunstsimulatoren zur Ausbildung künstlerischer Kompetenz. Die Maschinenhersteller selbst fungierten als Beobachter einer vom Publikum veranstalteten Demonstration von Maschinen.
Die zweite Generation der Maschinen von BBM trägt in weitaus stärkerem Maße militante Züge und zeigt zugleich eine härtere Gangart der Künstler ihrem Publikum gegenüber. In der CORRIDA-MASCHINENSHOW, Musiktheater BAD, Hannover, am 23.September 1989, fungieren mobile Maschinen unterschiedlichster Größe und Geschwindigkeit als aggressive Akteure in einem dramatischen Konzept mit dem Grundriß einer Schlachtordung, die das gesamte Ausstellungsareal mit einbezieht. BBM präsentiert zum ersten Mal schwer kontrollierbare Kampfmaschinen, deren Sinn und Zweck der Crash ist, der Unfall und die Kollision mit dem Publikum. CORRIDA ist ein Maschinenkampfszenario, das keine unbeteiligten Examinatoren zuläßt, sondern eine Herausforderung an die Maschinenkompetenz des Publikums darstellt. Bei genaurem Hinsehen jedoch entdeckt man die ironische Zweideutigkeit des CORRIDA­Konzepts. Die Kampfmaschinen stammen sämtlich aus John Sladeks Kapoterdschungel, jener Walstatt der einzigen wahrhaft freien Maschinen, der herrenlosen Wracks. Es sind zitternde ausgemergelte Maschinen, auf stampfender Suche nach ihrem Decoder. Hier wird eine Grundtendenz in der Arbeit von BBM deutlich. Den Künstlern geht es offensichtlich weniger um kontrollierte Inszenierung aufwendiger Maschinenschlachten als um deren ungewisses Ende, weniger um technische Spielerei als um szenische Reproduktion des industriellen Dilemmas. Ihre Arbeit macht die Kommunikabilität von Technologie transparent. Ihr Programm ist eine KUNST DES DIALOGS, ein System der Entregelung und Disfunktionalisierung. In diesem System funktionieren die Maschinen von BBM nicht als postindustrielle Fetische, sondern eher wie Henri Michaux' Schizophrener Tisch als Elemente einer Sprachoperation (!), die nicht nur die Apparate freisetzt, sondern durch heilsame Entfremdung zugleich auch die menschlichen Protagonisten. Der Maschinenkampf bleibt ein imaginäres Szenario, ein Experimetierfeld, wo Künstler und Publikum gleichermassen die Fallhöhe von Kommunikatoren ermitteln und maschinisierte Zeichen sinnvolle Unfälle erleiden. Hier treffen sich inhaltlich die Arbeiten von BBM und die sprachkybernetischen Ideen des Autors und Piloten Jürgen Ploog, der anlässlich eines Briefwechsels mit BBM einen Beitrag für diesen Katalog verfasst hat. Ploog hat über die Zerstückelung von Kontexten zu einer neuen Form reduzierten Erzählens gefunden. Bemerkenswerter Aspekt seiner Literatur ist der Blickwinkel des Piloten. Dem Autor im Cockpit, verkabelt mit seiner hochtechnologischen Apparatur, gelingen in der Übersetzung der täglich erlebten Perspektive unangenehm genaue Wortbilder einer Sprache der Geschwindigkeit. Ploog nutzt das Cut-up nicht mehr als literarische Technik, sonder als Schule des Denkens.
Wie selbstverständlich beziehen sich auch das BBM-Team in seiner Arbeit auf aktuelle technologische Standards. Die Maschinenwerker simulieren Verfahrensweisen industrieller Produktion, indem sie maschinelle Serien herstellen und ihre Automaten wochenlangen Funktions- und Belastungstests unterziehen. Gilt ihr Interesse auch nach wie vor der Erzeugung und Stabilisierung ungewöhnlicher Effektkombinationen, so richtet sich ihr handwerkliches Augenmerk in zunehmendem Maße auf die präzise Fertigung und beschleunigte Fertigstellung ihrer Apparate. Für die Maschinen gilt das Primat der Funktion. BBM lehnt Placebos ab. Ihre schrottreifen Expertensysteme bezeichnen die Künstler selbst als GERÄTE: ein ambivalenter Terminus, der zugleich die Sinn- und Trostlosigkeit dieser mechanischen Existenzen beschreibt und die Möglichkeiten ihrer lustvollen Verwendung andeutet.
Johannes Kockel
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In: BBM Maschinen, Katalog. Hannover, 1989




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