Joseph Beuys

paranorm Video-Dokumente: bildende Kunst 
Video/Stills: © ralf roszius 
Zeichen aus dem Braunraum
Ausstellungseröffnung
Auflagenobjekte und grafische Serien von Joseph Beuys
Es sprechen:
Dr. Ludwig Krapf, Dezernent für Kultur, Sport und Wissenschaft der Bundesstadt Bonn
Prof. Dr. Dieter Ronte, Kunstmuseum Bonn
Dr. Christoph Schreier
, Kunstmuseum Bonn
Kunstmuseum Bonn, Museumsmeile Bonn
13. Dezember 2005
Farbe, 38 Min., PAL (4:3-Format)
Edition paranorm

Zwei Jahrzehnte nach seinem Tod hat Joseph Beuys seinen festen Ort in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts gefunden. Seine Werke sind bestens gehütete Schätze bedeutender Museen, was einmal mehr die Integrationsfähigkeit der Institution ,Museum' unter Beweis stellt: sie vermag selbst den widerständigsten und widerborstigsten Künstler heimzuholen und ihm seinen Platz zuzuweisen. So ist es auch dem Verfechter eines ,erweiterten Kunstbegriffs', dem Visionär Joseph Beuys ergangen, dessen Plastiken und Installationen heutzutage zum selbstverständlichen Inventar nationaler wie internationaler Sammlungen zählen.

Auch wenn die Bedeutung seines Werks eine solche museale Ehrung nahelegen mag, so verblasst demgegenüber doch die Erinnerung an den Aktionisten und Denker Beuys, der sich stets gegen eine Fetischisierung des Kunstwerks als Objekt gewehrt hatte. Für ihn war Kunst Medium einer Kraftübertragung, die einer rein werkimmanenten Betrachtung verborgen bleiben muss. Entsprechend warnte Beuys, ich zitiere:'...Man darf sich...nicht im geringsten auf formale und stilistische Kriterien einlassen, sondern nur auf das Lebensprinzip der Sache als lebendigem Stoff. Ich will damit sagen, dass dieses weltverändernde Prinzip als dynamische Medizin, für mich entscheidend gewesen ist.' Zitatende.
Aus diesem Grund musste Beuys auch den ,Kältetod', so einer seiner Begriffe, den 'Kältetod' musealer Erstarrung fürchten, der sich spätestens dann einstellt, wenn eines seiner wichtigsten Multiples, der Schlitten, von einer Glashaube geschützt auf einem Sockel ausgestellt wird. Denn unter der Glashaube würde der Schlitten zum Objekt, er würde stillgestellt und wäre nicht mehr in der Lage, die in seiner Funktion und Form gebundene Energie erfahrbar zu machen.

Doch genau darum geht es Beuys bei dieser Arbeit. Der Schlitten als elementares Fortbewegungsmittel ist ein Vehikel der Evolution, der Geschichte der Menschheit, die sich mit ihm auf den Weg von der Vergangenheit in die Zukunft gemacht hatte. In dieser Weise definiert, überwindet dies Multiple seine eigene statuarische Objekthaftigkeit, denn die physische Präsenz des Schlittens repräsentiert nichts anderes als die sinnliche Vergegenwärtigung einer Kraft, einer Bewegungsenergie, der auch im Museum Raum gegeben werden muss. Nicht zuletzt deshalb hat Beuys den Schlitten reptilienartig über die Wände gleitend installiert, eine Präsentation, die dem Werk sicher angemessener ist, als die eben beschriebene, ,museale'.
In jedem Fall berücksichtigt eine solche Inszenierung die Prozesshaftigkeit der Arbeit und fördert das Verständnis dessen, was Beuys als den 'Wärmecharakter' im Denken und in der Kunst bezeichnet hat. ,Wärme', so resümiert Tobia Bezzola in einem leicht ironisch Beuysnobiscum betitelten Glossar zum Werk von Joseph Beuys, ist für Beuys die evolutionäre Grundsubstanz ...sie ist ein stoffformendes Prinzip, evolutionärer Auslöser,...kreatives Urprinzip. Vermittelt über organische Wesen erzeugt die Wärme erst den Stoff - und, so mag man ergänzen, letztlich auch die Form.
Dies kehrt die gewohnten Hierarchien um. Statt auf die Idealität der Form, setzt Beuys auf die Freisetzung von Energien. Sein Ziel ist, die Strukturen 'aufzuwärmen' und zu verflüssigen.
Einen besonderen Aspekt dieser, gegen jede Statik gerichteten, 'Verflüssigung' repräsentieren nun ganz sicher seine Multiples, die das ,Lebensprinzip' der Dinge (und natürlich der Kunst) in den gesellschaftlichen Kreislauf einführen und damit -verglichen mit den Plastiken und Installationen - in ganz eigener Weise zur Wirkung kommen lassen. Zwischen 1965 und 1986 entstanden, vagabundieren die Multiples als tausendfache Verkörperungen Beuys'schen Denkens noch heute über den Globus und ersetzen dabei, ganz selbstverständlich, die Individualität des autonomen Kunstwerks durch Prozesshaftigkeit und Kommunikation.

An die Stelle des auratischen Kunstwerks tritt der Vehikelcharakter' der Multiples. Ihre Bedeutung bemisst sich also an ihren Transferqualitäten und ganz ohne Frage hat Beuys viel Kraft darauf verwendet, eine breite Wirkung seiner Multiples zu erzielen. Alles andere als ein Nebenprodukt seines Werks summiert sich ihre Zahl im Werkverzeichnis auf immerhin 557 Nummern, von denen sich zirka 450 im Besitz des Kunstmuseum Bonn befinden. Ist diese Gesamtzahl schon für sich genommen imposant, so beeindruckt auch die thematische und mediale Vielfalt der Multiples, zu deren Bestand, neben Objekten und druckgrafischen Folgen, auch Fotos, Flugblätter, Postkarten, Tonbänder, Schallplatten, Filme, Videobänder, Stempel etc gehören. Zu einem nicht geringen Teil beziehen sie sich - wie etwa der erwähnte Schlitten - auf Aktionen und Installationen des Künstlers, doch existiert auch eine bedeutende Anzahl von Multiples, die als autonome Auflagenwerke konzipiert worden sind.
Zur Gruppe dieser Arbeiten zählt, um ein Beispiel zu nennen, die Capri-Batterie, eines der bekanntesten Multiples von Joseph Beuys. Sie besteht aus einer gelben Glühbirne, die, mittels eines Steckers, mit einer Zitrone verbunden ist. Was sich auf den ersten Blick einigermaßen paradox ausnimmt, gewinnt bei näherer Betrachtung eine schlagende Aussagekraft: unsere durch Technik geprägte Zivilisation wird auf ihre Quellen in der Natur verwiesen, mit der sie nicht nur körperlich, sondern auch energetisch in Kontakt tritt. Denn der Zitronensaft wirkt als Elektrolyt, ist also grundsätzlich in der Lage Strom zu leiten. Doch geht es Beuys nicht um das physikalische Experiment, sondern um den Appellcharakter des Bildes, um den Hinweis, dass unserer Zivilisation in der Rückbesinnung auf die Natur neue Kräfte zuwachsen würden. Hierin liegt die zentrale Aussage der Capri-Batterie. Beuys zielt auf die Vergegenwärtigung von etwas Immateriellen, auf die - ich zitiere - Veranschaulichung des 'Wärmeprinzips', das, in Gestalt des Multiples der Capri-Batterie selbst in den gesellschaftlichen Kreislauf eingespeist wird.

Von zentraler Bedeutung ist für Beuys folglich der Energietransfer, der als einer der zentralen Themen gerade der Multiples angesehen werden muss: Spielt das Formprinzip in seinen Plastiken und Installationen noch eine bedeutende, oft raumgreifende Rolle, so definieren sich die kleinformatigen, pointiert gefassten Multiples direkt oder indirekt als, Zitat ,evolutionäre Auslöser'. Seine Multiples sind nämlich nicht nur multiplizierte Werke, sie sind als energiegeladene Multiplikatoren eines Denkens, Fühlens und Handelns zu verstehen, dessen Horizont sich nicht im auratisch-musealisierbaren Kunstwerk erschöpfen konnte und wollte. Wichtiger ist für Beuys gewesen, dass seine Arbeit geistig überlebt, dass seine Anstöße und Anregungen auch weiterhin im Bewusstsein der Gesellschaft wirksam sind. Dazu haben die Multiples einen bedeutenden Beitrag geleistet.
Kunstmuseum Bonn
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In: Begleitinformation zur Ausstellung. Bonn, 13.12.2005




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