Beat Zoderer

paranorm Video-Dokumente: bildende Kunst 
Video/Stills: © ralf roszius 
Der doppelte Boden ist tiefer als man denkt
Ausstellungseröffnung
Raumfaltung
Installation
Kunstmuseum Bonn, Museumsmeile Bonn
6. Juli 2003
Farbe, 31 Min., PAL (4:3-Format)
Edition paranorm

In der ersten umfassenden Museumsausstellung von Beat Zoderer in Deutschland zeigt das Kunstmuseum Bonn Installationen, Skulpturen, Wandobjekte, Papierarbeiten und Collagen des 1955 in Zürich geborenen und in Wettingen/Schweiz lebenden Künstlers. Die in enger Kooperation mit Beat Zoderer verwirklichte Ausstellung verbindet Werkgruppen und Werkserien der letzten zehn Jahre und neue für die Ausstellung geschaffene Installationen, die die verschiedenen Aspekte seiner Arbeit verdeutlichen.
Im Zentrum steht die audiovisuelle Installation Raumfaltung, die dem Besucher ein besonderes interaktives Erlebnis ermöglicht. Um diese Arbeit sind Räume angeordnet, die jeweils einen spezifischen Charakter haben, indem sie sich auf bestimmte Werkprinzipien konzentrieren. Transparente Ordnung, die Serie Herma und andere Arbeiten geben einen Einblick in den wichtigen Werkkomplex Büro. Bodenskulpturen wie die Würfel oder Hetzer und Wandobjekte wie die Verflechtungen, Einfräsungen, Verleimungen, Strich-, Lotbilder und Hologramme stellen andere räumliche Konstellationen her. Die beiden Eckräume der Ausstellung werden durch große Installationen bestimmt. Die Horizontale Partitur ist an zwei Wänden so aufgeschichtet, dass der Betrachter durch sie hindurchgeht.
So bildhaft die Werke oft erscheinen, sie sind keine zweidimensionale Malerei. Stattdessen entstehen sie aus einfachen Materialien wie Holzlatten, Blech- und Textilstreifen, Fotokarton oder Haftetiketten und richten sich in Schichtungen immer in den Raum. Zoderer treibt ein Spiel der Täuschung und Enttäuschung, um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu provozieren und seine Wahrnehmung auch von sich selbst zu sensibilisieren. In der paradoxen Überkreuzung und Verbindung von Alltag und Kunst, Realem und Abstraktem, Ökonomie und Opulenz, Rationalität und Spiel, Ordnung und Unordnung, Montage und Demontage löst Zoderer konventionelle Hierarchien der Kunst auf und entwickelt eine eigene ästhetische Sprache. Er leugnet die Tradition geometrischer Reduktion nicht und hebt doch durch die Anwendung banaler Materialien die Forderung nach der Objektivität, Reinheit und Autonomie des Kunstwerks als zentrales, aber starres Modell der Moderne auf. Gegen dessen Dogmatik und Geschlossenheit stellt er offene, sich ausdehnende Strukturen, die gerade die Abweichung von der Regel zum Prinzip vielfältiger künstlerischer Möglichkeiten erheben. Er erzeugt dynamische Systeme, die in ihren Bewegungen von der Wand in den Raum und zurück stets auf die Erschließung von Raum und damit auf den Betrachter gerichtet sind.

LISTEN, die Neuentwicklung auf dem Gebiet der Audio Virtual Reality, ist das Ergebnis eines interdisziplinären, von der EU geförderten Projekts. Das Kunstmuseum Bonn als einer der fünf Partner präsentiert im Rahmen der Ausstellung Beat Zoderer - Der doppelte Boden ist tiefer als man denkt die neue Funkkopfhörer-Technologie als künstlerisches Medium. Beat Zoderer schuf für LISTEN die begehbare Installation Raumfaltung. Was hier zu hören ist, hängt ganz von der eigenen Bewegung im Raum und der jeweiligen Blickrichtung ab. Möglich macht eine solche musikalische Erkundung das von der Technischen Universität Wien entwickelte Navigationssystem. Neuartig ist auch die sogenannte nachgeführte kopfbezogene Stereophonie - wesentlicher Beitrag des Forschungsinstituts IRCAM am Centre Pompidou in Paris. Von AKG Acoustics in Wien stammt die neueste Kopfhörertechnologie. Die Kombination dieser Entwicklungen erlaubt eine dem natürlichen Hören vergleichbare Raumwahrnehmung und vermeidet so den typischen Kopfhörerklang. Koordiniert wird das Projekt vom IMK Fraunhofer Institut für Medienkommunikation, das auch die Komponenten der LISTEN-Technologie integriert.
Das Resultat dieser erfolgreichen dreijährigen Kooperation des Kunstmuseums Bonn mit drei internationalen Forschungsinstituten, einem Unternehmen und den Künstlern Gerhard Eckel, Ramón González-Arroyo (Musik), Oswald Egger (Sprache) und schließlich Beat Zoderer, liegt nun im Zentrum der Ausstellung vor: Dort entfaltet sich ein kraftvoller Raum aus riesigen monochromen Farbflächen an Wänden und auf dem Boden. Gleichermaßen eingetaucht in ein Farb- und akustisches Panorama, dessen Eindrücke sich entsprechend der eigenen Choreografie beim Parcours durch den Raum abwechseln, verändern, wiederholen und schließlich zum Ensemble verdichten, wird dem Publikum eine intensive synästhetische Körper- und Raumerfahrung zuteil, die vielleicht den alten Traum vom Gesamtkunstwerk ein Stückchen näher rückt.
Kunstmuseum Bonn
__________
In: Begleitinformation zur Ausstellung. Bonn, 6. Juli - 14. September 2003




© 2020 paranorm.de
: Impressum