Roland Schefferski

paranorm Video-Dokumente: bildende Kunst 
Video/Stills: © ralf roszius 
AUSGELÖSCHTE BILDER
Ausstellung
David Kirby, Möbel An- und Verkauf, Berlin
23. September 1997
Farbe, 11 Min., PAL (4:3-Format)
Edition paranorm

Die Ausstellung ist ein Beitrag zum internationalen FASERSTOFF-PROJEKT; RAVENSBRÜCK / FÜRSTENBERG
Projekt: Geschichte unserer Welt „Ausgelöschte Bilder", Untertitel - Ein Tryptichon



Roland Schefferski: Ich stelle sowohl in dem Bereich aus, der traditionell der Kunst zugeschrieben wird, als auch an eher unkonventionellen Orten, in Wohnungen oder Läden...

Piotr Geise: Die Vergangenheit kann man auf verschiedene Art und Weise dokumentieren. Der 41-jährige Künstler Roland Schefferski, der seit 1984 in Berlin wohnt, überschreitet in seiner künstlerischen Arbeit die Grenze zwischen Kunst und Leben.

Roland Schefferski: Da ich während des Kriegsrechts in Polen keine Möglichkeit hatte, in Galerien auszustellen - und trotzdem versuchte meine künstlerische Aktivität fortzusetzen -, machte ich meine Installationen einfach auf den Straßen. Durch die langjährige Beschäftigung mit all´dem was weggeworfen wurde, bin ich letztendlich zu den Objekten gekommen, die wesentlich größer sind, nämlich Möbel, Kleider und so weiter. Am Anfang waren es einfache Abfälle. Mich interessieren diese Abfälle, die weggeworfenen Dinge, als Träger von Informationen, die in ihnen codiert sind.

Piotr Geise: Manchmal, wie im Fall seines letzten Projektes, schreibt das Leben selbst das Szenario. Der kleine Trödelladen in Berlin-Kreuzberg, ein Laden wie viele in Berlin - mit dem Unterschied, dass seine Inhaber Engländer sind.

Susane Smith: Ich denke, dass viele Menschen der Meinung sind, dass die Geschichte mit der Vergangenheit zu tun hat. Persönlich bin ich der Meinung, dass gerade wir - abhängig davon was wir tun und was wir tun wollen - die Geschichte selbst erschaffen.

Piotr Geise: Die in dem Laden ausgestellten Arbeiten haben einen gemeinsamen Titel: „Geschichte unserer Welt".

Roland Schefferski: Die Ausstellung ist der Geschichte Deutschlands gewidmet. Unter anderen der Geschichte, die mit dem Holocaust zu tun hat.

Piotr Geise: Unter den ganz normal zum Verkauf ausgestellten Möbeln, dem Küchengeschirr und Nippes, der sowohl aus der Zeit des westdeutschen Wirtschaftswunders der sechziger Jahre stammt, als auch aus der DDR-Zeit, kann man in diesem künstlerischen Chaos meisterlich integrierte „Orden des Aktivisten der sozialistischen Arbeit", aber auch Tücher mit dem Porträt von Karl Marx finden. Gegenstand der Ausstellung sind Exponate ohne Preisschilder.

David Kirby: Möbel aus der DDR-Zeit finden nicht so großen Absatz, wie Medaillen verschiedener Art und kleine Andenken. Vor allem - was sehr interessant ist - kommen Flüchtlinge aus der DDR hierher. Sie sind sogar fanatische Sammler von schon scheinbar wertlosen Gegenständen. Diejenigen, die sehr viel durch das kommunistische Regime verloren haben, veranstalten jetzt eine regelrechte Jagd auf die Andenken an ihre ehemaligen Unterdrücker.

Susane Smith: Ich werde mit unterschiedlichen Reaktionen auf die angebotene Ware konfrontiert, besonders auf jene, die aus der DDR stammt. Manche Kunden sind sogar zornig darauf, dass wir uns damit beschäftigen. Sie bespucken die Fensterscheiben. Höchstwahrscheinlich hätten Inhaber eines typischen deutschen Trödelladens mehr Bedenken, solche Sachen zum Verkauf anzubieten.

Roland Schefferski: Ich stellte fest, dass ich mein Vorhaben genau so gut in diesem Trödelladen realisieren kann. Es ergibt sich nämlich so, dass in diesem Laden eine ehemalige KZ- Insassin arbeitet, die jüdischer Abstammung ist.

Susan Smith: Charlotte ist schon seit ein paar Jahren unsere Bekannte. Statt als Jüdin sieht sie sich eher als Berlinerin. Ruhig erzählt sie über ihre Vergangenheit und ist nicht aus diesem Grund verbittert. Ich bin der Meinung, dass Israel für sie nicht der ideale Ort wäre. Gerade hier in Berlin fühlt sie sich prächtig. Wenn sie in ihren zahlreichen Erzählungen zur Vergangenheit zurückkehrt, zieht sich dadurch die Erinnerung an Russland wie ein roter Faden, weil sie nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager zunächst in Sibirien und später in Moskau landete. Ich glaube nicht, dass die Arbeit in diesem Laden für sie die Flucht vor der Realität bedeutet. Sie musste immer, ihr Leben
lang, ums Überleben kämpfen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch dort in Russland. Am
wichtigsten ist, dass sie Lust zum Leben hat und trotz ihres Alters nicht zu einer tatenlos zuhause sitzenden Greisin geworden ist, die ruhig das Vergehen der Zeit beobachtet. Sie genießt jede Minute ihres Lebens, vielleicht aufgrund ihrer früheren Lebenserfahrungen.

David Kirby: Ich sehe nichts Besonderes darin. Es ist normal hier in Kreuzberg. Die kulturelle Mischung ist charakteristisch für diesen Stadtteil. Mich wundert jedoch etwas anderes. Manchmal kommt sie zu mir und sagt: ich möchte ein paar Medaillen, die des Konzentrationslagers Ravensbrück gedenken. Manchmal schenke, manchmal verkaufe ich sie ihr.

Piotr Geise: Bis jetzt konnte Charlotte sich nur den Inhabern des Trödelladens anzuvertrauen. Mit anderen Menschen will sie über ihr Schicksal nicht reden.

Susan Smith: Weil sie sich der Reaktionen nicht sicher ist. Es sind doch ihre persönliche Angelegenheiten; sie hat ihre ganze Familie verloren. Es ist doch nicht so, dass ihr Schicksal im Kontakt mit anderen Menschen automatisch Sympathie oder positive Reaktionen auslöst.

Roland Schefferski: Das Arrangement in diesem Laden ist ein Ergebnis des unbekümmerten Verhältnisses, das die Engländer zur Geschichte haben.

David Kirby: Ich denke, dass die Mehrheit der Briten die Teilung Deutschlands nicht verstanden hat. Ich glaube nicht, dass die Honecker-Ära für sie etwas Wesentliches gewesen ist. Etwas, das sie emotionell betrachten würden. Der Tod von Prinzessin Diana hat bei ihnen viel mehr Emotionen ausgelöst.

Roland Schefferski: Ich wollte mich nicht nur auf einen bestimmten Zeitabschnitt der deutschen Geschichte beschränken, weil die neueste Geschichte, der Alltag, die Konsequenz all dessen ist, was in diesem Land früher geschehen ist.

Susan Smith: Manche von seinen Arbeiten habe ich sofort verstanden. Zum Beispiel hat er mir so ein Objekt gezeigt: verbrannte Messern und Gabeln aus Solingen. Und darunter eine Zeitung, auf der wir nur manche, teilweise verdeckte Worte sehen. Ich dachte es sind zwei Worte: Richter und Henker, aber als ich sie aufdeckte, sah ich den ganzen Satz: Willkommen im Land der Dichter und Denker. Vor einigen Jahren wurde in Solingen ein Haus in Brand gesetzt, in dem Türken gewohnt haben, Solche Objekte wie dieses, mit dem Besteck und dem deutschen Text, sind sehr interessant.

Roland Schefferski: Ich vermeide gerade das Pathos oder die sentimentalen Gefühle. Wir müssen uns bemühen, aus all dem, was wir als unsere gemeinsame Geschichte bezeichnen, einen Schluss zu ziehen.

David Kirby: Es gibt Deutsche und Deutsche. Im Allgemeinen schenken wir ihnen keine Sympathie, aber manche lieben wir.

Roland Schefferski: Kunst darf sich nicht nur ausschließlich auf den traditionellen Bereich beschränken, nur auf all ´ das, was wir als Kunst verstehen. Das bedeutet: nicht nur auf die Konvention, in der sie bis jetzt geschaffen wurde.

Piotr Geise: Kann man sagen, dass Christian Boltanski, der in seinen Arbeiten Fotografien und gebrauchte Kleider verwendet, Dein geistiger Vater ist?

Roland Schefferski: Manche von meinen Freunden, begrüßen mich mit: Hallo Boltanski! , Servus Boltanski! Boltanski ist aber nicht der einzige Künstler, der Fotografien und gebrauchte Kleider verwendet. Es gab viele solche Künstler. Vor zwanzig Jahren erlebten sie eine bestimmte Klassifizierung. Dieser wurde hier in Deutschland eine Bezeichnung verliehen: Spurensicherung. In meinem Fall begann diese Spurensicherung im Kriegsrecht in Polen, als ich Spuren dokumentierte, die in einer Telefonzelle von ihren Benutzer hinterlassen wurden.

Piotr Geise: Die letzte, Deine neueste Arbeit trägt den Titel?

Roland Schefferski: „Geschichte unserer Welt". Geschichte wird nämlich immer wieder aufs Neue geschrieben, aber für gewöhnlich aus einer Perspektive, die aus einer Weltanschauung oder einer Ideologie heraus resultiert.

Piotr Geise: Die Engländer teilten ihren Laden mehr oder weniger absichtlich in drei Zonen auf: In einem Raum, zwischen kitschigen DDR- Möbeln, brodelt es von Leninköpfen. In dem zweiten Raum befinden sich alte massive bürgerliche Möbel mit entsprechendem Tafelgeschirr. Und zwischen all dem: Die Exponate von Roland Schefferski.
Piotr Geise
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In: "Miejsce na sztuke znajdzie sie wszedzie" - Interview, SFB 4 - MultiKulti. Berlin, 21.10.1997 und Radosc tworzenia, Radio Zachod. Zielona Gora, Polen, 27.10.1997




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