Zwei Drittel

paranorm Video-Dokumente: darstellende Kunst 
Uwe Weinzierl, Christoph Jungmann (rechts) Video/Stills: © mirjam lehnert & ralf roszius 
...ändern ihre Verfassung
Musikkabarett
Proben/Premiere/Aufführungen
Galerie paranorm, West-Berlin
Juni 1987
Farbe, 71 Min., PAL (4:3-Format)
Edition paranorm

Zwei Drittel: Christoph Jungmann, Robert Munzinger, Uwe Weinzierl



Pressespiegel


Kabarett gibt es in dieser Stadt mehr als genug. Und was ist da normalerweise zu sehen? Alt-68er beklagen den Niedergang der politischen Perspektiven und hauen nochmal auf die alten Witze. Aber es geht auch anders, nämlich wie es die „Zwei Drittels" machen. Alle drei sind ungefähr zehn Jahre jünger als die etablierte Creme des Kabaretts. Während man bei den Ober-Profis die Professionalität bewundern kann, mit der sie immer wieder einen Witz hinkriegen, obwohl sie doch alles schon eigentlich nicht mehr interessiert, so machen die „Zwei Drittels" ihre kleinen spielerischen Schwächen dadurch wett, daß sie offen zur Perspektivlosigkeit stehen. Da weiß man nie, ob sie den Anlaß, den sie verkabaretteln, überhaupt so richtig ernst nehmen. Bei ihren Themen gehen sie radikal von ihrer subjektiven Umwelt aus, sind damit vielmehr ein Spiegel des Nichtwissenwohin als die Altrecken. Man glaubt ihnen einfach ihre Geschichten, die nicht die Vision einer besseren Welt über die Bühne schieben wollen.
Stattdessen gibt es Spaß im Durcheinander: Che Guevara ersteht als Denkmal wieder auf und bewundert den subversiven Lebenswandel der Szene, die nun die Revolution über den Konsum ansteuert, was dann auch die Mutter im Schwäbischen beruhigt, denn ihr Sohn ist schon viel zu schlapp, um auf eine Demo zu gehen. Das Ganze ist unterlegt mit viel Musik von E-Piano und Gitarren und Gesang. Wenn Falco rapt und Gröny röhrt, erreicht das Programm den Höhepunkt zwischen Show und Verarschung, denn natürlich sind die Jungens nicht weniger eitel als die Stars selbst. Wenn man in einem Atemzug über Kiffen, AIDS und Tschernobyl redet, dann ist man voll in den 80er Jahren. Da kann man zwar das Kabarett nicht neu erfinden, aber man kann es auf den Stand bringen.
Ehrlichmann
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In: taz. Berlin, 1987



...Nicht die Themen sind wichtig, sondern die Tatsache, daß die drei sie wichtig finden. Gespielt werden Szenen, Szenchen, Sketche, Songs und Parodien zu allem und jedem, was die Darsteller in letzter Zeit beschäftigt hat. Das ist kein Kabarett des zugespitzten Wortwitzes, sondern eine Show der unterhaltsamen Kleinkunst. Richtig in Fahrt und beim Publikum an kommen sie mit ihren Musikparodien: Falco (der zappelige, lange U. Weinzierl) und Grönemeyer (der untersetzte, gezielt pomadig wirkende C. Jungmann) begeistern zu E­Piano (R. Munzinger) und Gitarren das Publikum. ...
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In: zitty. Berlin, 15/87



...So stürzen sie sich ohne Gewissensbisse auf die Gegenwart, die immer noch genügend Anlässe zum Lästern hergibt. Sei es über den schwäbischen Alternativtouristen, der sich unendlich darüber ärgern kann, daß er am 1. Mai ahnungslos im Kino gesessen hat, während in Kreuzberg die Randale losging. Oder Mutters besorgter sonntäglicher Anruf aus der Provinz beim Sohn in der Großstadt, da habe es ja wieder Unruhen gegeben. Aber sie braucht sich keine Sorgen zu machen, denn zu Demos geht ihr Sohn schon lange nicht mehr, weil er zu schlaff dazu ist und überhaupt ganz andere Sorgen hat: Ob Rebirthing, Beziehungsknatsch oder Partnersuche per Kleinanzeige, die Themen ihres Programms kommen mehr aus ihrer persönlichen Umgebung und ihren eigenen Erfahrungen als aus der großen Politik. Unterhaltung ist für sie wichtiger als politische Indoktrination. ...
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In: TAGESSPIEGEL. Berlin, 26.7.1987


...Mit Sinn für Ironie zerfleddert das Trio auch Auswüchse des gegenwärtigen 'Zeitgeistes', Deutschrocker, Yuppies und schwäbische Studenten, die in Berlin ihre rebellischen Pflichtjahre verbringen, sind, so läßt das 'Zwei Drittel'-Trio erkennen, nicht wesentlich klüger, sondern eben nur anders.
Daß das Publikum so mitgerissen wird wie bei der Premiere am Donnerstag ist leicht zu erklären. Denn nur selten gelingt es Kabarettisten, den Zuschauern so präzise den Spiegel vorzuhalten. In fast jeder Nummer kann es teilweise auch sich selber erkennen. ...
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In: VOLKSBLATT. Berlin, 29.8.1987




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