INSTITUTE FOR NEW ARTISTIC THINKING




Wir können die jetzige Situation der Kunst nicht mittels des gleichen Denkens ändern, mit dem wir sie geschaffen haben.





Beitrag
10. Januar 2015



DIE KÜNSTLERISCHE FREIHEIT BEWAHREN

von ROLAND SCHEFFERSKI



Es häufen sich - und zwar nicht ausschließlich unter den Künstlern, sondern auch unter den Kunsttheoretikern, Kunsthistorikern und Journalisten - kritische Stimmen, die die gegenwärtige Lage der zeitgenössischen Kunst als beunruhigend empfinden.

Viele von ihnen behaupten, die Gesetze der Vermarktung bestimmen den Wert der Kunst. Und den Kunst-Diskurs definieren Fachleute, die den Kunstmarkt bedienen. „Die Herrschaft der Ökonomie über den ´Wert´ der Kunst ist erst vollständig, wenn neben dem Markt und dem Betrieb auch der Diskurs unterworfen ist. Das Kapital will die Kunst nicht nur besitzen, sondern auch definieren."[1]

Im Jahr 2002 schrieb Boris Groys, dass Kunst „…ein diskursives Feld, eine diskursive Plattform" brauche, „die ihr erst die Chance gibt, ihre Autonomie zu manifestieren".[2] Schon seit längerer Zeit konnte ich mich in zahlreichen Gesprächen mit anderen Künstlern, über die Notwendigkeit einer Initiative zur Unterstützung des Austausches und Diskurses zur aktuellen Kunst vergewissern. Meine Entscheidung zur Gründung einer diskursiven Plattform resultiert aus der Erkenntnis, dass die jetzige Situation, in der sich die Mehrheit von uns Künstlern befindet, unbefriedigend ist. Sollten wir nicht die Verantwortung selbst übernehmen, anstatt sie durch die entstandene Abhängigkeit von der Ökonomisierung der Kunst und Kultur und von den Mechanismen des Kunstbetriebs, weiter auf die anderen zu delegieren? Angesichts derartiger Entwicklungen, glaube ich, wäre es auch notwendig für die Kunst neue Denkansätze zu entwickeln.

Im Rahmen eines Diskurses kann das im November 2014 in Berlin von mir ins Leben gerufene Institut für neues künstlerisches Denken Beobachtungen, Thesen, Postulate, Polemiken und Analysen liefern. Es ist jedoch keine „geplante" Vision sondern eine Vision, die als Ergebnis des Austausches von Ideen und Erfahrungen, der gegenseitigen Anregung entsteht. Eine der dabei wichtigsten Fragen lautet: Können wir als Künstler unsere Souveränität und Freiheit bewahren oder verkommen wir, in Folge des marktorientierten Relativismus, weiter zu fleißigen, aber harmlosen Produzenten und Teilnehmern der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Wir beginnen mit dem künstlerischen Denken, dem grundlegenden Bestandteil des Schaffensprozesses. Es ist ein grenzüberschreitendes, sich jeglicher festgelegter Normen und Zweckhaftigkeit entziehendes Denken. Und trotzdem kann man es als einen durchaus kritischen Vorgang voller Reflexion bezeichnen. Dieses Denken lässt sich nur teilweise definieren und unterscheidet sich von dem Denken, das ausschließlich auf Rationalität basiert.

Ist aber ein neues, ein anderes künstlerisches Denken überhaupt erforderlich? Anscheinend doch. Wir können die jetzige Situation der Kunst nicht mittels des gleichen Denkens ändern, mit dem wir sie geschaffen haben. Von uns Künstlern selbst ergriffene Initiativen ermöglichen uns eine gewisse Unabhängigkeit. Wir müssen uns erneut von der tradierten Vorstellung von Kunst abwenden und uns mit den Mechanismen der Kunstproduktion und -rezeption auseinandersetzen. Uns die Frage stellen: Was wahrhaftig ist die Kunst? Um die aktuelle Problematik mit gesellschaftlicher Relevanz zu untersuchen, bedarf es einer Überprüfung der künstlerischen Thesen und Praktiken und eines neuen künstlerischen Denkens.

[1] Markus Metz und Georg Seeßlen: „Geld frisst Kunst, Kunst frisst Geld", Suhrkamp Verlag 2014
[2] Boris Groys: Das Werk ist Aussage. Die Rettung der Kunst liegt im Diskurs, in: FAZ vom 1. August 2002



Literatur und Quellen

Isabel Graw: Der Große Preis - Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur, DuMont Verlag 2008
Jürgen Harten: „Der Geschmack des Gelds", in: Kunstforum International Bd. 209, Juli-August 2011
Will Gompertz: What Are You Looking At? 150 Years of Modern Art in the Blink of an Eye, Peguin Books Ltd. 2012
Nicole Zepter: Kunst Hassen - Eine enttäuschte Liebe, Tropen Verlag, 2013
Steven Zevitas: The Things We Think and Do Not Say, or Why the Art World is in Trouble, 2014


Das Institut für Neues Künstlerisches Denken - Institute for New Artistic Thinking (IFNAT) wurde Ende November 2014 als ein andauerndes künstlerisches Projekt gegründet. Seine Aufgabe besteht darin, neue Denkansätze für die Kunst zu entwickeln und uns dazu anzuregen, sich mit den Herausforderungen der zeitgenössischen Lage der Kunst auseinanderzusetzen. Zentrale Austausch- und Archivierungsplattform des Instituts ist das Internetforum (www.ifnat.net), das von eingeladenen Künstlern und anderen Kulturschaffenden aus der ganzen Welt mit Inhalten bereichert werden kann.




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