Foto: © Alexander Koretzky
Alejandro Montoya, C.O. Caspar (rechts)
In: Alexander Koretzky - KÜNSTLERPORTRAITS -, Katalog.
Herausgeber: Galerie paranorm, Berlin, 1991
Alejandro Montoya, Mexico City

EINSCHNITTE

Verblüffung. Lethargisches, aufgelöstes Staunen. Verblüffung vor der Natur und deren Verlauf; vor dem Sichsehen von allen Seiten und dennoch darin verstrickt sein. Eingetaucht ins Organische, darin verwickelt, mit all dem Animalischen verbunden - voller Fragen ohne Antwort.
Verwirrung vor der Geschichte, vor deren Geruch, gemischt aus Fäulnis und Ammoniak.
Vision der Geschichte; unaufhörliche Folge von Wundern und Massakern.
Beschleunigung und Bruch der Geschichte in unserem Jahrhundert. Genialität und Torheit ohne Grenzen: Unzählige Prozessionen von Fanatikern, von Satelliten aus fotografiert. Bilder von Grenzen überschreitenden Menschenherden, Basiliken, Moscheen, Stadien ... auf Magnetband gebannt, übertragen.
Von Bering bis Geisel gibt es zuviele Konstanten, hat es sie immer gegeben.
Schwachsinniges Jahrhundert. Mechanisierte Wunderdinge und Foltern. Zisternen, entsetzliches Helldunkel: Olympiaden, Hibakushas und Zyklongas.
Zerstückeler und Prothesen,
Quarzpulsoren, Baygon und paramilitärische Kerker. Gepanzerte Eisbrecher, unbeschreiblich, und trockene Augen, zu Tausenden auf das Ödland der Erde gerichtet.
Benzin für Scheinwerfer und Bonzen.
Authentisches Jahrhundert der Aufklärung. Thalydomid der Geschichte.
So gibt man Zeugnis, gelangt ans Ende des Jahrhunderts, des Jahrtausends, mit der in den Händen zerrinnenden Idee von strahlenden, zerfließenden Mannschaften. Kindheitsvorstellungen von Planeten- und Meeresbewohnern. Von riesigen, gewaltigen Begegnungen verschiedener Rassen, zur Sonne aufschauend, in aufsteigende Paradiese lächelnd, entworfen ... möglich. Kaputte Kinderideen.
Lachen bis zum Erbrechen.
Kunst der Jahrtausendwende. Unsinnige Extreme. Ein von Künstlern wie von Stacheln starrendes Ende. Das Niedrige, Bittere einer zersplitterten Ästhetik. Dix, Ligeri, Ferrari, Ionesco, Xenakis, Orozco, Siqueiros, Schwarzkogler, Sandorfi ...
Tausend Grunewalds in diesem Jahrhundert, vielleicht nur tausend.
Verzerrende, virulente Ästhetik. Extreme Formlosigkeit, mißlungen. Parodie, Alptraum, Gerätschaften der Renaissance.
Bizarrheit, Usurpation von Formen, Klängen, Begriffen.
Giftige Ästhetik, den Bourgeoisen ebenso zuwider wie den ähnlich verblödeten Massen.
Beißende Kunst unserer Jahrzehnte, potentielle Zwischenkriegszeit, schmutziger Spiegel der Angst auf den Kontinenten.
Faszination für das Mechanische, für das Plattgedrückte, das Entstellte, das Chirurgische, das Militärische, das Affenartige ...
Kunst pulsierender Bewegungen, die von dem Farbspiel des Schmuddeligen in Gang gebracht werden; mit der intensiven Entfesselung von Emotionen; die der Anblick des Gepanzerten hervorruft; mit der Angst, mit der Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Flucht vor dem eigenen Ich.
Feinheit und Gewalttätigkeit in der heutigen Kunst: Kohle und Tobex. Tuschfedern und Bulldozer für eine Kunst der Wollust und der Bedrücktheit; zeitgenössische Kunst, Zierwerk, lächerliches, hurenhaftes Protokoll ... und strudelnder Abflußkanal des Jahrhunderts. Schlendern durch düstere, verschlungene, unterirdische Gänge.
Durch ungeahnte, finstere Buden.
Sich selbst entdecken, gedankenverloren, im Licht des Stroboskops (welch großartiges Gerät), bei dem Versuch, die Richtung der Bewegung zu erfassen. Bewegungslos, wie hypnotisiert von den zerhackten, bohrenden Rhythmen; bemüht, die Kraft zu verstehen, die zerhackten, bohrenden Rhythmen; bemüht, die Kraft zu verstehen, die die Körper in den Kampf-Tanz treibt, ihn darin antreibt; bewegungslos angesichts der tagblinden Gestalten, angesichts der Begegnung der Blicke in neuen Ritualen, angesichts der Entblößung der Leiber. Sich entdecken, geduckt, beim Hineinkriechen in die Käfige der Hundefänger, die Leichenhallen.
Der Versuch, einem toten Gesicht sein Geheimnis zu entreißen; den verborgenen Code in den Spuren von Dieselöl und Schaum auf Schwellungen, in der perversen Schönheit von Reifenabdrücken auf Hunden, auf Kindern zu entziffern.
Bewegungslos, verstummt beim Anblick der Schlaffheit. Inmitten der Extreme von Zweifeln bedrängt. Einschnitte, wie Eintragungen auf dem Streifen des Gedächtnisses, dem sich entscheidende Wahrnehmungen einprägen.
Plötzliche Visionen, die mit dem Aufblitzen der Geburtszange beginnen. Warnsignale, irreführende Signale. Umwandlung von Schlüsselwahrnehmungen in Richtlinien.
Verblüffung vor der Natur, besser gesagt vor dem Sein, vor dem Abgrund des Seins.
Wahrnehmen des eigenen Schädels, des eigenen Körpers.
Wahrnehmen, daß der Traum der Vernunft nicht nur Monster hervorruft, sondern jene entdeckt, die schon immer da waren, gegenüber, direkt über uns, ganz in uns, in uns selbst.
Alejandro Montoya.

In: Alejandro Montoya Mexiko Zeichnungen vom Tod, Faltblatt. Berlin, 1990

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